» Der Boom spiritueller Techniken ist eine Gegenreaktion zur Dominanz rationaler Bewältigungsstrategien in modernen Zivilisationen «
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SZWissen: Irrationalität ist sinnvoll?
Straube: Warum fühlen wir uns von einem Rilke-Gedicht angezogen, warum von einem Musikstück, warum von einem Van-Gogh-Gemälde? All das sind oberflächlich betrachtet nutzlose Dinge – wie der Glaube.
Dennoch kommen selbst Naturwissenschaftlern diese grenzwertigen geistigen Systeme jenseits der reinen Ratio zu Hilfe. Der Physiker Michael Green etwa erstellte eine neue kosmologische Theorie, die Superstringtheorie, nachdem ihm unverständliche, verrückte Bilder in den Sinn gekommen waren. Unsere Fähigkeit zur geistigen Grenzüberschreitung war immer wichtig in der Menschheitsgeschichte. Auch das Heilen mittels Religion ist eine solche Grenzüberschreitung.
SZWissen: Laut einer Emnid-Umfrage glauben 42 Prozent der Bundesbürger an „magische Kräfte“. Warum hält sich dieser Glaube, obwohl es zuhauf etablierte Therapien für Krankheiten gibt?
Straube: Der Boom spiritueller Techniken ist eine Gegenreaktion zur Dominanz rationaler Bewältigungsstrategien in modernen Zivilisationen. Die Suche nach Dingen jenseits der technisierten Welt führt dazu, dass wir imaginative Formen wiederentdecken, etwa Heilige und Reliquien verehren.
Allein Papst Johannes Paul II. hat fast 500 Menschen heilig und 1500 selig gesprochen, so viele wie kein Papst vor ihm seit 1588. Die Heiligen sind für katholische Christen dann so etwas wie überirdische Helfer und stimmen die Gläubigen positiv.
SZWissen: Wie sehr diese Erwartungshaltung etwa das Schmerzempfinden bestimmt, zeigen aktuelle Studien. Das Gehirn kann den Schmerz formen, offenbar sowohl verstärken wie lindern. Haben gläubige Menschen hier Vorteile?
Straube: Im Schmerzzentrum des Gehirns sorgen dieselben Regionen sowohl für die Empfindung somatischer als auch psychischer Schmerzen. So genannte Wunderheiler machen sich genau diesen Effekt zunutze, indem sie den Leuten vorgaukeln, der Schmerz sei verschwunden – und die Menschen glauben das tatsächlich. Sogar ein charismatischer Scharlatan kann Effekte erzielen, weil das Gehirn dankbar ist für jeden geeigneten Hinweis der Hoffnung.
SZWissen: Mit solchen Tricks lassen sich aber noch lange keine Wunder erklären wie die aus dem Wallfahrtsort Lourdes. Dort gab es bislang 66 anerkannte Wunderheilungen, fast zwei Drittel vor dem 1. Weltkrieg, dreizehn in den ersten zehn Jahren nach dem 2. Weltkrieg.
Straube: Die medizinische Kommission in Lourdes hat diese Fälle sehr genau untersucht. Würde man rein statistisch argumentieren, wirkt die Quote dürftig: 66 Heilungen auf 8,4 Millionen Patienten ist nicht eben viel.
Wäre Lourdes ein Sanatorium, müsste man es sofort schließen. Interessant aber ist doch, dass die Kirche solche belegten Wunder nicht als Beweis braucht. Im Gegenteil: Sie tut sich damit keinen Gefallen – weil sie sich in die Hand naturwissenschaftlicher Fragestellungen begibt.
Dabei liegt religiösem Glauben ein anderer Wahrheitsbegriff zugrunde als den Naturwissenschaften.
SZWissen: Welche Bedeutung messen Sie solchen Wundern bei?
Straube: Für mich sind Wunder in erster Linie ein Beleg dafür, wie wichtig das subjektive Empfinden ist. Orte wie Lourdes bieten überirdische Kraftquellen. Man kniet an den Orten des Wunders nieder, ist in der stimulierten Masse, betet gemeinsam. Kurz: Es entsteht eine besondere Situation – anders als zu Hause im stillen Kämmerlein.
Gucken Sie sich die Begeisterung auf dem Weltjugendtag an, in derart stimulierenden Situationen machen Menschen besondere, aus dem Alltagserleben herausführende Erfahrungen.
SZWissen: Wunder sind also nicht mehr als extreme, subjektive Zustände. |